Die St.-Mang-Kirche

Gebäude mit Geschichte
 

Die St.-Mang-Kirche ist seit bald 700 Jahren ein Wahrzeichen der Stadt, ein symbolträchtiger Ort Allgäuer Geschichte und die Mutterkirche des evangelischen Oberallgäus. Dabei reichen ihre frühromanischen Ursprünge zurück bis ins 9. Jahrhundert. Sie trägt den Namen des Heiligen Magnus, eines Missionars aus St. Gallen. Seit 1527 ist die St.-Mang-Kirche evangelisch. Von 1553 bis 1561 wirkte an ihr der namhafte slowenische Reformator Primus Truber.

1426 bis 1428 wurde das Gotteshaus in gotischem Stil erweitert und der Turm mit Hilfe von Ablassgeldern auf 66 Meter erhöht. 1767 erfuhr die Kirche eine fast völlige Erneuerung im Stil des Barock, um nur hundert Jahre später wieder regotisiert zu werden. Ihre heutige Gestalt erhielt sie 1911. Die letzte Renovierung mit der Neugestaltung des Altarraums fand 2007 statt.

Allgemeines
Die St.-Mang-Kirche war ursprünglich eine dreischiffige romanische Basilika, die 1426 bis 1428 nach Westen verlängert und in gotischem Stil umgestaltet wurde. Das mächtige Langhaus ist 34 m lang und mit den beiden Seitenschiffen 17 m breit. Auf der Südseite befindet sich die sog. „Südhalle“, ein Anbau (1512 bis 1519), der sich früher zu drei gotischen Kapellen öffnete. 1767/68 wurden Haupt- und Seitenschiffe barockisiert. Nur hundert Jahre später fand eine gotische Restaurierung statt. Reste der barocken Ausprägung sind z. B. die acht Putten oberhalb der Seitenschiffe.

Die Kanzel
Eine Kanzel im Mittelpunkt des Mittelschiffs gibt es seit 1577. Seit 1608 ist es diese Renaissance-Kanzel aus Nussbaumholz. Über ihr ein achteckiger Schalldeckel mit Volutenpyramide. Klappbänke ermöglichen es der Gemeinde, sich zur Predigt der Kanzel zuzuwenden. Das Kruzifixus-Bild hinter der Kanzel stammt von Hieronymus Hau (1726). Ludwig Thiersch malte 1868 die Gemälde „Jesus in Gethsemane“ (links) und „Auferweckung des Töchterleins des Jairus“ (rechts).

Bürgermeisterloge
Die Bürgermeisterloge (1765) gegenüber der Kanzel betont, dass Bürgermeister und Magistrat der Stadt bis ins vorletzte Jahrhundert Dienstherren der Geistlichkeit gewesen waren: das reichsstädtische Wappen und die Symbole für Gerechtigkeit und Weisheit auf der Balustrade untermauern den Anspruch, eine „Bürgerkirche“ zu sein.

Chorraum
Der Chorraum ist die Urzelle der St.-Mang-Kirche : hier stand auch der romanische Vorgängerbau aus der Zeit vor gut tausend Jahren. 1426/1428 wurde er gotisch überbaut (Rippengewölbe/ Rankenwerk/ Apostelkreuze). Nachdem das ursprüngliche Chorgestühl beim Bildersturm 1533 verbrannt worden war, kamen Teile des Gestühls aus dem Hauptschiff 1911/1913 in den Chor. Von 1642 bis 1865 trennte ein Lettner den Chor vom übrigen Kirchenraum ab, der Grund, weshalb der Chor gotisch blieb auch während der barocken Umgestaltung der übrigen Kirche.

Die zweimanualige Orgel mit Pedal von Gerhard Schmid (Kaufbeuren) wurde 1972 im Chorraum aufgestellt. Sie besitzt 16 klingende Register.  

Schnitzaltar
Der Schnitzaltar wurde in Memmingen um 1890 nach einem Entwurf des Nürnberger Architekten J.M. Schmitz vom Bildhauer Fritz Schiemer (Nürnberg) und dem Kunstschreiner Leonhard Vogt nach Vorbildern Tilman Riemenschneiders (um 1455 -1531) und Hans Brüggemanns (um 1480 – 1540) geschaffen. Er zeigt Szenen aus dem Leben Jesu. Der Altar wurde 1893 auf der Weltausstellung in Chicago preisgekrönt und 1896 vom Kemptener Fabrikanten August Heinrich Leonhard Gyr für die St.-Mang-Kirche erworben. 

Fenster im Chorraum
Die Chorraumfenster in mittelalterlicher Grisaille-Technik entstammen der königlich-bayerischen Kunstgewerbeschule (Johann Klaus von Kreling und Friedrich Wanderer) und wurden von 1866 bis 1869 in den Werkstätten der Gebrüder Klaus (Nürnberg) gefertigt. Eine Stiftung von Regine von Neubronner ermöglichte 1869 ihren Einbau. 2011/12 wurden sie generalsaniert.

Neuer Altarraum
Der neue Altarraum auf der Schwelle zum Chor wurde im Zuge der Renovierung der Kirche 2007 vom Münchner Künstler Werner Mally konzipiert. Mit seinen drei Prinzipalien Altar – Lesepult – Taufbecken aus Eschenholz  strebt der Altar eine Einheit aus Spiritualität und Kunst an. Zugleich tritt er in den Dialog mit seinem historischen Umfeld: Schnitzaltar, Fenster und Chorgestühl.

Stille Ecke
Die Stille Ecke bietet mit ihrem Blick auf die gotischen Reste eines Seitenaltars aus dem 12. Jahrhundert, ihren romanischen und gotischen Ziegelfliesen mit Tier- und Blattmotiven und den von Werner Mally erdachten mobilen Spindeln aus Eschenholz als Verbindung zwischen Himmel und Erde einen Ort zum Innehalten und Nachdenken.


Die Orgel
Die Orgel auf der Westempore ist die fünfte Hauptorgel der Kirche seit 1480. Sie wurde 1987 von Gerhard Schmid (Kaufbeuren) gebaut; ein Teil des Prospekts der Vorgängerorgel wurde wieder verwendet. Mit 51 klingenden Registern, verteilt auf fünf Manuale und Pedal und mit ihren 4194 Pfeifen gehört sie zu den großen Instrumenten im Allgäu.

Die Spieltraktur ist rein mechanisch; der Spieltisch steht frei am Rückpositiv. Die Disposition erlaubt die ganze Bandbreite der Orgelliteratur vom Barock über die Romantik bis zur Moderne.

(Text: Henning Storek; Fotos: Ralf Lienert)