"Wort zur Woche" vom 20. Januar 2019

Pfarrerin Annegret Pfirsch

Was ist die Welt doch oft so ungerecht: Gerechte gehen zugrunde, Ungerechte leben gut. Was soll man sich da überhaupt noch bemühen? Ist nicht eh alles umsonst? Alles eitel und nichtig? Heiße Luft? Und mit Gott braucht mir da schon gleich gar niemand kommen!
Unmögliche Gedanken? Oder sind das vielleicht gar nicht so fernliegende Gedanken? Können Sie sich da wiederfinden? Oder sind Sie entsetzt, so etwas in einem Wort zum Sonntag zu lesen – formuliert von einer Pfarrerin?

Aber ich möchte mich nicht mit fremden Federn schmücken. Tatsächlich finden sich diese skeptischen Gedanken in der Bibel, in dem kleinen Büchlein Kohelet / Prediger (Koh 7). Das Wort „Gott“ nimmt er nur äußerst selten in den Mund.
Selbst regelmäßige Gottesdienstbesucher kennen von ihm wahrscheinlich kaum mehr als die Ausführungen zu der Erkenntnis „Jedes Ding hat seine Zeit.“ (Koh 3)

Erst jetzt hat es ein weiterer Text in die Predigtordnung der evangelischen Kirche geschafft, aus dem 7. Kapitel. „Sei nicht allzu gerecht“ und „sei nicht allzu gottlos“ kann man da lesen. Vielleicht hätte man auch schreiben können: „Sei nicht selbstgerecht!“ Und zeige nicht herablassend auf andere mit dem Finger, wie es so oft gegenüber Inhaftierten geschieht. Denn nur Gott kann dich gerecht sprechen. „Verliere Gott nie aus den Augen und aus dem Sinn!“ möchte ich gerne immer wieder den Spöttern sagen. Verliere Gott nicht aus den Augen, wenn du wieder im völligen Welt-Pessimismus zu versinken drohst. Denn „wer Gott fürchtet“, wer Gott ehrt, kann ausgeglichen durch das Leben gehen. „Wer Gott fürchtet“, wer Gott ehrt, kann akzeptieren, dass Menschen immer nur begrenzt sind – in ihrer Lebenszeit, in ihrer Weisheit, in all ihrem Bemühen. Dass das Scheitern zu unserem Leben dazugehört – aber Gott sei Dank nicht das letzte Wort behalten muss: Denn Gott ist in dieser Welt erschienen, um uns zu retten.

Viel Gelassenheit, gesunden Skeptizismus und ganz großes Gottvertrauen wünscht Ihnen
Ihre Gefängnispfarrerin Annegret Pfirsch, JVA Kempten